Der Erste Stadtrat und Verkehrsdezernent, Sebastian Wysocki, und Prof. Dr. Rüdiger Storost vom Ingenieurbüro „IMB-Plan“ haben ein gemeinsames Ziel: Den Verkehr in Bad Vilbel so zu gestalten, dass Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer gut neben- und miteinander im öffentlichen Raum verkehren. Gleichzeitig soll der Öffentliche Personennahverkehr attraktiv gestaltet werden und man muss regional für Lösungen beim Thema überörtlicher Verkehr werben. Viele Aufgaben, die Wysocki und Storost in einem Interview erklären.

Sehr geehrter Herr Prof. Storost, sehr geehrter Herr Wysocki, Verkehrspolitik ist eine der Königsdisziplinen in der Kommunalpolitik. Müssen Sie bei all dem, was Sie planen, organisieren und durchführen nicht die Quadratur des Kreises hinbekommen?

Wysocki:
Verkehrspolitiker brauchen vor allem Geduld und Durchhaltevermögen, denn viele Prozesse gestalten sich langwierig und schwierig und erfordern einen langen Atem Selbstverständlich braucht es juristisches Knowhow, wenn es beispielsweise um die Straßenverkehrsordnung geht, auf der anderen Seite braucht es auch eine gewisse technische Expertise, wenn es darum geht, Verkehrsströme zu leiten. Aber vor allem braucht es auch ein Gespür dafür, was benötigt wird und wozu man auch einmal Nein sagen muss. Nicht jeder verkehrspolitische Vorschlag ist auch wirklich umsetzbar. Verkehrspolitik als Quadratur des Kreises zu bezeichnen ist daher vielleicht nicht ganz falsch und zwar als Symbol dafür, wie komplex dieses Thema ist.

Prof. Storost:
Die Quadratur des Kreises ist – wie wir wissen - unmöglich, eine sorgfältig abgestimmte Verkehrsplanung nicht. Unmöglich ist aber eine Stadt- und Verkehrsplanung, die jeder einzelnen Nutzergruppe wie Fußgänger, Radfahrer, Autofahrer oder dem
Öffentlichen Nahverkehr eine einhundertprozentige Berücksichtigung ihrer Interessen verspricht. Das geht nicht. Ziel muss es immer sein, die maximal mögliche Übereinstimmung zu finden oder anders gesagt, die Summe der gegebenenfalls verbleibenden Nachteile aller muss minimiert werden. Verkehrsplanung ist komplex und erfordert auch eine gewisse Erfahrung, gute Kenntnisse der Verkehrsabläufe und eine große Einsatzbereitschaft. Es ist daher besser, man arbeitet nicht allein sondern gemeinsam mit den Verantwortlichen in den Städten, so wie wir es hier in Bad Vilbel erfolgreich tun.

Wysocki:
Und das seit Jahren.

Welche Leitlinien gibt es, die Sie in Ihrer Arbeit verfolgen?

Prof. Storost:
Oberster Leitgedanke ist immer: Sorgfalt geht vor Schnelligkeit. Stadt- und Verkehrsplanung sind auf Langzeitwirkung ausgelegte Projekte. So versuchen wir bei unserer Arbeit, die eher einer Mode entsprechenden verkehrsplanerischen Ansätze zu vermeiden. Als Planungsbüro müssen wir unsere Konzepte immer von detaillierten Analysen ableiten. Gerade die Lage der Stadt erfordert den Blick auf die Region, auch das ist eine Leitlinie, die man hier verfolgen muss.

Wysocki:
Mein Motto in der Verkehrspolitik lautet immer: „Es darf kein ‚Entweder Oder‘ geben, sondern ein ‚Sowohl als Auch‘!“ Mir ist es wichtig, dass wir jeden Verkehrsteilnehmer beachten und zu einer tragfähigen Lösung für alle Arten des Verkehrs kommen. Ich glaube, am Ende des Tages ist Verkehrspolitik immer auch die Suche nach dem besten Kompromiss, der niemanden exkludiert.

Könnte man sagen, dass Ihnen die Quellen- und Festspielstadt besonders am Herzen liegt und was macht die Arbeit hier so reizvoll?

Prof. Storost:
Bad Vilbel war und ist seit Jahren ein sehr reizvolles Projekt für einen Verkehrsplaner. Man muss sich doch nur die Lage anschauen. Bad Vilbel ragt wie eine Art Speerspitze in Frankfurt hinein. Dies führt automatisch zu einem erhöhten Verkehrsaufkommen. Durch Bad Vilbel fährt die S6. Eine hoch frequentierte Pendlerlinie genauso wie die Busse 30 und 551 und Bad Vilbel hat sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten in eine ausgesprochen attraktive Stadt entwickelt mit hoher Aufenthaltsqualität. Dies führt zum einen durch die vielen Pendler zu sehr viel überregionalem Verkehr und zum anderen durch die gestiegene Aufenthaltsqualität zu immer mehr innerörtlichem Verkehr. Es gibt doch nichts Spannenderes, als eine solche Entwicklung über Jahre zu begleiten und zum Teil mitzugestalten. Von daher, ja mir liegt Bad Vilbel tatsächlich am Herzen und auch die Arbeit mit sehr aufgeschlossenen und konstruktiven Vertretern im Magistrat macht diese Aufgabe reizvoll.

Herr Wysocki, zu Beginn Ihrer Amtszeit sagten Sie, dass das Thema Verkehr eine besondere Herausforderung wird, vor allem die Förderung der Nahmobilität lag und liegt Ihnen am Herzen. Wo sehen Sie die Stadt Bad Vilbel hier derzeit?

Wysocki:
In den zurückliegenden rund eineinhalb Jahren meiner Amtszeit haben wir, so glaube ich, tatsächlich schon einiges erreicht. Zunächst einmal sind wir Mitglied der AG Nahmobilität geworden und profitieren so vom Austausch mit anderen Städten und Gemeinden und dem Land Hessen. Wir haben beispielsweise Fahrradabstellanlagen an den Bahnhöfen erneuert und hier deutlich aufgestockt. Wir bieten jetzt auch abschließbare Fahrradboxen an, was ebenfalls ein Zugewinn für die Nahmobilität darstellt. Doch nicht nur das bereits Umgesetzte ist etwas, auf das man mit Freude blicken kann, auch die eingestellten Haushaltsmittel für dieses und das kommende Jahr zeigen, dass wir es in Bad Vilbel ernst meinen mit dem Ausbau der Nahmobilitätsinfrastruktur. Wir geben einen siebenstelligen Betrag für neue Fahrradwege oder die Modernisierung bestehender Wege, wie der Erweiterung des Niddaradwegs oder dem Plattenweg, aus. Wir haben ein neues Vilbuskonzept verabschiedet, das im Dezember 2017 umgesetzt wird. Und nicht zuletzt haben wir ein Radverkehrskonzept erarbeitet, das eine klare Perspektive für den Radverkehr in Bad Vilbel gibt. Aber auch Großprojekte wie der ZOB oder der Umbau der Homburger Straße gehören zu den wichtigen Infrastrukturprojekten.

Das Radverkehrskonzept ist angesprochen. Über 100 Seiten umfasst dieses Konzept, das Sie beide gemeinsam verantworten. Wie würden Sie das neue Radverkehrskonzept betiteln?

Prof. Storost:
„Bad Vilbel – Wo Radfahrer sicher und gut ans Ziel kommen.“
Ich glaube, dass dieser Titel passen würde. Wir haben in dem nun vorgelegten Konzept keine Luftschlösser gebaut, sondern klar und durchdacht benannt, was möglich und auch was nicht möglich ist. Es ist ein konstruktives Konzept, das die Zukunft des Radverkehrs in Bad Vilbel gut beschreibt und klarstellt, dass wir hier noch einiges vorhaben. Aber auch, was beispielsweise mit Nidda-Radweg, Radwege und Radfahrstreifen auf Kasseler und Friedberger Straße in der Kernstadt und in Dortelweil - übrigens hier vor circa zwanzig Jahren - für den Radverkehr schon getan wurde.

Wysocki:
„Rad Vilbel“
Ich mache es kurz und prägnant.
Ich würde sagen, dass wir ein wirklich aussagekräftiges Radverkehrskonzept vorgelegt haben, das niemandem ein X für ein U vormacht. Es gibt Stellen in unserer Stadt, in denen das Konzept eindeutig zum Ergebnis kommt, dass der Status Quo die beste Variante ist. An anderen Stellen sagen wir deutlich, was wir vorhaben und wie wir es gern machen möchten und wieder andere Vorhaben, die wir gern angehen wollen, können wir allein nicht umsetzen, auch da sind wir deutlich in unserem Konzept und versprechen nicht Dinge, die zum jetzigen Zeitpunkt nicht haltbar sind. Gerade die überregionalen Routen müssen mit anderen Kommunen und beispielweise Hessen Mobil abgesprochen werden. Wir werden die Stadt in den kommenden Jahren also Stück für Stück für den Radverkehr weiterentwickeln.

Wer Verkehr plant oder wer dafür verantwortlich ist, steht nicht selten in der Kritik. Da jeder Bürger tagtäglich unmittelbar mit dem Thema Verkehr konfrontiert wird, gibt es kaum ein Thema, bei dem so viele Menschen mitreden. Was genau ist es, auf das es beim Thema Verkehr ankommt?

Wysocki:
Verkehr ist im Grunde nie eindimensional. Es gibt keine einfachen Antworten in diesem komplexen Feld und genau das gilt es immer und immer wieder zu vermitteln. Meine Erfahrungen aus Gesprächen mit Bürgern sind, dass natürlich viele Leute gerade beim Thema Verkehr mitreden, weil wir ja alle Verkehrsteilnehmer sind und dadurch irgendwie auch Experten, aber nur wenige wirklich wissen, was alles beachtet werden muss, wenn man an eine umfassende und vorausschauende Verkehrsplanung herangeht. Nehmen wir nur eine Fahrplanumstellung im Öffentlichen Personennahverkehr. Man kann nicht einfach eine Haltestelle neu hinzufügen, ohne dabei möglicherweise den Anschluss an die S-Bahn oder eine andere Buslinie zu vergessen. Wir arbeiten nicht umsonst mit IMB-Plan seit Jahren eng und vertrauensvoll zusammen, weil sich in unserem Verhältnis immer Theorie und Praxis ergänzen.

Prof. Storost:
Uns geht es so wie dem Fußball-Bundestrainer: Jeder Verkehrsteilnehmer ist auch ausgewiesener Verkehrsplaner. Und obwohl es auch gute Anregungen ‚von außen’ gibt: So einfach ist es nicht. Neben Studium und fortlaufender Weiterbildung braucht ein Planer für den Stadtverkehr auch eine gewisse Erfahrung und sorgsamen Umgang mit Daten. Und man sollte den Planern auch vertrauen, so wie man den in vielen anderen Berufen Tätigen ihre Fachkompetenz anerkennt. Niemand bei mir im Büro nimmt eine Verkehrszählung auf die leichte Schulter. Es würde niemand das Ergebnis einer Verkehrsstudie nur beiläufig zur Kenntnis nehmen, wenn es daran geht, eine Verkehrsplanung zu erstellen. Auch wenn sich in jeder Stadt- und Verkehrsplanung die vorausschauende Interpretation des Zeitgeistes widerspiegelt, was dann fachlich umzusetzen ist, sollte Verkehrsplanung - und auch Verkehrspolitik – weitgehend ideologiefrei sein, sonst setzt man sich selbst Grenzen, die kontraproduktiv sind. Es reichen doch schon die Grenzen, die die Realität selbst setzt. Nicht alles, was man sich wünscht, ist umsetzbar.

Es gibt wenige Städte, die so sehr vom Pendlerverkehr betroffen sind, wie Bad Vilbel. Wer aus dem Wetteraukreis oder dem Main-Kinzig-Kreis nach Frankfurt möchte, kann kaum an Bad Vilbel vorbei. Wo sehen Sie Ansätze den überregionalen Verkehr zu steuern?

Wysocki:
Eine große Entlastung ist wäre natürlich der Ausbau der B3 zwischen Dortelweil und Okarben, die Beseitigung dieses Flaschenhalses ist enorm wichtig.. Aber wir müssen noch überregionaler denken, wenn wir wirklich entgegensteuern wollen. Hier denke ich an den Riederwaldtunnel oder einen möglichen Ausbau der B521. Aber diese Projekte liegen nicht in unserer alleinigen Verantwortung. Hier ist der Bund derjenige, der die Entscheidungen mit Hessen Mobil trifft. Natürlich hoffen wir auch, dass der viergleisige Ausbau der S6-Strecke dazu führen wird, dass das Angebot des ÖPNV deutlich mehr genutzt wird. Und wir wollen gemeinsam mit den Anrainerkommunen der Niddertalbahn einen Ausbau dieser wichtigen Pendlerverbindung erreichen.

Prof. Storost:
Die Möglichkeiten auf den überregionalen Verkehr in Bad Vilbel selbst zu reagieren sind begrenzt. Ja, eine Untertunnelung der Büdinger Straße wäre hier zu nennen, dies habe ich selbst bereits vor längerer Zeit einmal ins Spiel gebracht. Aber man darf hier niemandem Sand in die Augen streuen, eine solche Untertunnelung wäre weder einfach, noch schnell zu realisieren. Sie ist durch die zwischenseitlich geschaffenen Randbedingungen - zum Beispiel Bebauung, Hassia-Tunnel, Straßenbreite – sehr schwer umzusetzen, nahezu unmöglich geworden. Im Grunde reden wir bei der Belastung durch den überregionalen Verkehr vor allem vom Nadelöhr „Büdinger Straße“. Hier sind die Kapazitäten jedoch einfach auch begrenzt. Es erfordert also durchaus auch Kreativität und ich glaube, dass wir den handelnden Personen kein Fehlen dieser vorwerfen können. Das Thema bleibt auf unserer Agenda, es gehört aber zur Ehrlichkeit zu sagen, dass es hier keine Ad hoc-Lösung geben kann und geben wird.

Wysocki:
Wir sind an dem Thema der Büdinger Straße intensiv dran und zuversichtlich, dass wir Anfang des nächsten Jahres hier Ergebnisse präsentieren können, um die Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Aber eines ist klar: Eine Verbesserung der Verkehrssituation zieht auch immer neue Verkehre an. Das ist aber ein Phänomen, was sich auf das gesamte Rhein-Main-Gebiet erstreckt.

Wie so oft kann man ein Thema in der Kommunalpolitik nicht losgelöst von einem anderen Thema behandeln. Das Thema Verkehr wird dabei maßgeblich durch das Thema Bauen und Wohnungen beeinflusst. Wie wird es Bad Vilbel schaffen, beispielsweise den Quellenpark verkehrstechnisch aufzunehmen, immerhin wird es hier rund 3000 Neubürger und sehr viele Arbeitsplätze geben?

Prof. Storost:
Es gibt eine umfangreiche Studie zu diesem Baugebiet, die mich zur Überzeugung kommen lässt, dass Bad Vilbel durch den Quellenpark keinem Verkehrsinfarkt ausgesetzt sein wird. Ja, es werden Neubürger kommen und ja, es wird viele Arbeitsplätze geben. Aber nicht jeder, der hier arbeitet, wird mit dem Auto kommen. Der Quellenpark liegt direkt am Bahnhof, es wird also viele Bahnpendler geben und auch solche, die mit den Bussen 30 und 551 oder mit dem VILBUS kommen. Hinzu kommt, dass nicht jeder, der hier arbeiten wird, auch wirklich von außerhalb kommt. Es ist ein normaler Effekt solcher Gebiete, dass entweder bereits in Bad Vilbel wohnhafte Bürger, einen der Arbeitsplätze dort annehmen oder aber hier angestellte Menschen, in den Quellenpark ziehen. Hinzu kommt, dass man bei Pendlern nicht sagen kann, dass jeder einzeln mit dem Auto kommt. Vielmehr kann man davon ausgehen, dass die Fahrzeuge durchschnittlich mit 1,5 Personen besetzt sind und dass zu jeder Zeit etwa zehn Prozent oder mehr der Belegschaft wegen Krankheit oder Urlaub nicht zum Arbeitsplatz fährt. Berücksichtigt man diese Effekte bei der Prognose der Neuverkehrsfahrten, dann wird die Belastung auf der Nordumgehung Massenheim nicht so hoch werden, wie mancherorts befürchtet wird. Zudem ist die räumliche Verteilung des Neuverkehrs zu beachten. Nach den vorliegenden Erkenntnissen sind die prognostizierten Fahrten zu einem hohen Prozentsatz der Hauptachse B 3 zuzuordnen.

Wysocki:
Was bei dieser Frage und der Diskussion oft und gern vergessen wird, ist, dass alle Maßnahmen am Straßennetz rund um den Quellenpark immer bereits dieses Neubaugebiet und die Gewerbeflächen zur Grundlage der Berechnungen hatten. Auch die Homburger Straße, ob der Kreiselbau oder jetzt die Erneuerung bis zur B3-Brücke, wurden so geplant, dass man den Quellenpark oder das neue Schwimmbad bereits berücksichtigte. Ich glaube zudem, dass unser Radverkehrskonzept und die geplanten Maßnahmen darin, ein gutes Stück helfen werden, dass in Zukunft mehr Leute auch mit dem Rad durch Bad Vilbel fahren werden. Insgesamt ist der Verkehr in Bad Vilbel auf einem guten Weg, wir dürfen hier nicht alles immer nur schlechtreden.

Herr Professor Storost, Herr Wysocki, vielen Dank für das Gespräch und die Antworten.

Quelle: badvilbel.de

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